Schrift: normal  |  groß  |  größer
Teilen auf Facebook   Als Favorit hinzufügen   Link verschicken   Drucken
 

Nachbericht zum Infoabend "Lebensmittelverschwendung" am 4.5.2017

29.05.2017

Lebensmittelverschwendung – der alltägliche Wahnsinn und der Film „Bauer unser"

 

Immer wieder wird uns vermittelt, wir müssen die industrielle Landwirtschaft nutzen, damit wir die Weltbevölkerung ernähren können. Dies hat mittlerweile durch Massenproduktion und Schleuderpreise zu einem großen Sterben kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe geführt (nur noch 2 % arbeiten in der bäuerlichen Landwirtschaft). Die Dimensionen der Betriebe führen aber auch zu einer hohen Investitionsnotwendigkeit und damit hohen Verschuldung der Betriebe, was einen immensen Druck auf das betriebswirtschaftliche Ergebnis hat. Die Bauern sind praktisch Sklaven ihrer Betriebe und schaffen es dennoch kaum. In einer nicht zu lösenden Spirale gefangen sehen viele Betroffene keinen Ausweg, und so nehmen sich alleine in Österreich jährlich 600 Bauern das Leben – ähnliches wird aus der Schweiz berichtet …in Deutschland?

Zu diesem vermeintlichen Produktionsdruck passt allerdings nicht, dass wir heute so viel Lebensmittel produzieren und dass wir ein Drittel der produzierten Waren – genau 1,3 Milliarden Tonnen - jährlich wegwerfen. Dazu gehören Ernteverluste bzw. nicht optimale Bedingungen für Lagerung, Trocknung und Weiterverarbeitung auf der ganzen Welt – die sogenannten Food Losses (Nahrungsmittelverluste).

Der größere Teil ist der Food Waste (Lebensmittelabfälle, Verschwendung): das Vernichten von Produkten, die zum Verzehr bestimmt sind. Die Abfälle entsprechen ca. 95 bis 115 Kilo pro Person jährlich bzw. insgesamt 220 Millionen Tonnen. Sie fallen bei Privathaushalten, im Einzelhandel und in der Gastronomie an. Dazu gehört zum Beispiel die Aussortierung von Produkten, weil Größe und Form nicht passen (EU Normen für Standards…).

In Deutschland sind es insgesamt 18 Millionen Tonnen und damit 82 Kilo pro Kopf und Jahr! Die Hälfte wäre vermeidbar – gäbe es nicht die engen Vorschriften und würde in kleineren Einheiten verkauft. Somit werden ca 40% durch die Endverbraucher vernichtet. Die Überproduktion durch die industrielle Landwirtschaft ist gewollt. Die Großerzeuger und deren Handelsketten verdienen damit, dazu natürlich auch die Geräteindustrie; der Bauer allerdings weniger.

Seit Beginn der neunziger Jahre wurde mit dem Aufbau der Welthandelsorganisation daran gearbeitet, Lebensmittel preiswerter – sprich billiger - zu machen, damit die Menschen ihr Geld auch für andere Konsumartikel ausgeben können. In Deutschland wird für Lebensmittel mittlerweile lediglich 12% des Einkommens ausgegeben, in anderen Ländern sind es 60 -70%. Billig bedeutet aber oft wertlos; der Wert der Lebensmittel ist drastisch gesunken und damit auch der Wert der Arbeit, die dahinter steckt. Die Bauer erhalten immer weniger für ihre Produkte, weil preiswerte Ware aus anderen Ländern den Markt füllen und die Discounter die Preise diktieren. Die Discounterpreise sind jedoch nur durch die unwürdigen Arbeitsbedingungen in anderen Ländern (mittlerweile auch schon bei uns) möglich.

In der Fleischproduktion funktioniert dies nur durch die Massentierhaltung, die die Tiere nicht mehr als Lebewesen behandelt, sondern nur noch als Produkte ohne Leben. Das ist sehr krass zu sehen in dem Film "Bauer unser" (hier eine Vorschau). Der rasante Anstieg der Fleischproduktion (er hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren mehr als vervierfacht) hat zur Folge, dass in großem Stil Futtermittel angebaut werden muss. Das benötigte Ackerland für Futtermittel wächst kontinuierlich, überwiegend wird Soja angebaut. Insgesamt wird für die Fleischerzeugung 70% der Ackerfläche gebraucht!

Würden wir nicht so viel an Vieh verfüttern, könnten wir bereits heute mit den Agrarprodukten 12 Milliarden Menschen ernähren. Für den Sojaanbau werden Ackerflächen der heimischen Bevölkerung in südlichen Ländern zum Teil widerrechtlich besetzt, großflächig mit Dünge- und Spritzmittel behandelt, ohne Rücksicht auf die dort lebenden Menschen und auf die Situation der Böden. So ist mittlerweile bereits schon eine erhebliche Zahl an Ackerböden völlig unbrauchbar! Ganz zu schweigen von der Auswirkung dieser extremen Landwirtschaft auf das Klima: die Umwandlung von Wald- oder Grünlandflächen in Getreidefelder, der Methanausstoß der riesigen Rinderherden bei der Massentierhaltung, der intensive Einsatz von Dünge- und Spritzmittel. Dazu noch die riesigen Wassermengen, die bei der Verarbeitung bzw. beim Wachsen der Produkte gebraucht werden: bei einem Hamburger sind es 2400 Liter und für 1 Tasse Kaffee 140 Liter virtuelles Wasser.

Führt man sich dann die 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel, die jährlich vernichtet werden, vor Augen, so kann man sagen: 250km³ Wasser und 1,4 Milliarden Hektar Land werden unnötig verbraucht, 3,3 Mrd. Tonnen CO2-Emissionen werden unnötig ausgestoßen und es entsteht ein Verlust von 750 Milliarden Dollar; mit diesem Geld könnte man an vielen Stellen Gutes bewirken.

 

Interessante Links:

www.welthungerhilfe.de/themen/lebensmittelverschwendung.html

www.verbraucherzentrale.de/lebensmittelverschwendung

www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF_Studie_Das_grosse_Wegschmeissen.pdf